Die Jubiläums-Gay-Games 2018 in Paris

Ein Jubiläum darf immer mit einem Rückblick beginnen. 1982 erblickte in San Franzisco ein neuer Sportevent das Licht der damals noch so anderen Welt: Die Gay Games No. 1 (noch unter dem Namen „Gay Olympics“). Alle 4 Jahre sollten sie seit dem stattfinden – genauso wie die Olympischen Spiele. Sie wanderten zunächst innerhalb Nordamerikas von Metropole zu Metropole (nochmal San Franzisco, dann Vancouver und New York). 1998 unterstrichen sie mit dem Sprung über den Teich ihre inzwischen weltweite Bedeutung für die queere Community: Amsterdam! Auf diesen Gay Games wird auch erstmals ein Tanzturnier für Standard und Latein ausgetragen, das nachhaltige Impulse in der queeren Tanzcommunity aussendet (siehe Meilensteine des Equality-Tanzsports auf pinkballroom.de). An die ersten Gay Games in diesem Jahrtausend werden sich viele der noch aktiven Tänzer_innen erinnern können: Sydney in 2002. Es folgten Chicago (2006), Köln (2010, das mit 520 Tänzer_innen immer noch größte gleichgeschlechtliche Tanzsportevent aller Zeiten) und Cleveland (2014). Zu den 10. – und damit zu den Jubiläums-Gay-Games – heißt nun die schöne Stadt Paris, das Organisationskomitee, die vielen Helfer_innen, die Bürgermeisterin Anne Hidalgo und der Präsident Emmanuel Macron alle Sportler_innen unter dem Motto „All Equal“ willkommen. Inklusion ist die Idee, mit der auch die Weltmeisterschaft im Tanzsport unter dem Schirm der IFSSDA ausgerichtet wurde. Aber dazu später mehr….

34 Tänzer_innen von pinkballroom, die Trainer_innen Gabriella und Pascal sowie eine sehr ordentliche Fankurve (!!!) reisten nach Paris. Die 34 Tänzer_innen brachten es auf insgesamt 27 Start, wobei Cornelia Wagner & Kerstin Kallmann mit jeweils 5 Starts am „fleißigsten“ waren. Unsere 6 Männer sind ausschließlich in der Showgruppe bzw. in den Mixed-Turnieren an den Start gegangen.

Wie auch in Berlin, war es in Paris zunächst vor allem HEISS! Mit Temperaturen knapp an die 40°C am Dienstag schwitzten wir viel. Da wurden die Senior_innen plötzlich um ihre frühe Startzeiten beneidet, weil diese noch halbwegs machbare Temperaturen versprachen. Aber mit jeder Minute stieg die Temperatur in der Halle, so dass die Ausrichter_innen nur noch einen Weg sahen: Die gesundheitliche Gefahr durch die Hitze wurde als bedrohlicher eingeschätzt, als die Gefahr durch Feuer, so dass nach kleineren technischen Umbauten ein steter Luftzug durch die Halle strömte. Zum Glück war es zur EC 2017 nicht so heiß, in Deutschland (und noch schlimmer Preußen) wäre diese Problemlösung nicht möglich gewesen….

Das Turnier startete am Dienstagvormittag mit den Seniorinnen Standard. In die C-Klasse wurde 18 Paare gewertet. Mit dem 13. Platz wurden Dorothea Kohlwagner & Iris von Wedel das Anschlusspaar zum Halbfinale. In dieser Klasse kamen Bettina Beinker & Anja Schittenhelm 2 Runden weiter und tanzten im Finale auf den tollen 5. Platz. Kerstin Hübner wurde mit Claudia Neidig zusammen mit 13 Paaren in die B-Klasse gewertet und erreichte dort den 11. Platz. Bei den Mixed-Turnieren SEN Standard bestand die B-Klasse aus unseren beiden Paaren Simone Britz mit Frank Morche und Katrin Raithel & Gisbert Winzler, wobei Simone & Frank am Ende vorne lagen.
Am Dienstagnachmittag starteten die Latein Frauen. In die C-Klasse wurden 16 Paare einsortiert. Bis ins Halbfinale tanzten Claudia Neidig & Regina Remski und dort auf den 8. Platz. Monique Gärtner & Kerstin Hübner erreichten das Finale und tanzten dort ganz fantastisch und sie wurden auch mit einigen Einsen belohnt. Aber die Konkurrenz war groß und es wurde der 6-Platz. In der B-Klasse tanzten 10 Paare zunächst um den Einzug ins Finale, das Kerstin & Cornelia als Anschlusspaar (hier sei mal ein rein subjektives „leider“ erlaubt) nicht gelang. Mel Braune & Stefanie Siebels überzeugten die Wertungsrichter_innen mehr, erfreuten sich im Finale an der tollen Unterstützung durch die Fankurve und tanzten auf den 6. Platz. In der Hauptgruppe Mixed Standard tanzten sich Katrin & Gisbert in der C-Klasse auf den 4. Platz. In der B-Klasse tanzten Simone & Frank wieder mal zusammen mit einem pinkballroom-Paar, aber diesmal mit Sophia Arkenstette & Pascal Herrbach. Letztere erfreuten die Zuschauer_innen mit vielfältigen Führungswechseln, gewannen 3 Tänze und somit auch das Turnier.

Am Mittwoch kamen die 10-Tänze-Wettbewerbe. Hier stießen Kerstin & Cornelia auf die Sieger_innen im Latein B-Finale des Vortages, die ebenfalls den 2. Platz sicher machen wollten (der Titel musste eindeutig nach Köln;-). Durch den 2. Platz im Jive sowie in allen Standard-Tänzen und einen geteilten 2. Platz in der Samba sind Cornelia & Kerstin die Vize-Weltmeisterinnen 2018.

Mittwochabends wurden dann die Tango-Argentino-Wettbewerbe getanzt. Wie anders dieses Tanzen doch ist….und wie unterschiedlich die Paare waren…. Von uns sind Andrea Schlinkert & Leon Strauss sowie Anja & Bettina an den Start gegangen. Während 4 Paare gleich in das Finale gesichtet wurden, mussten diese 4 Berliner_innen in die Hoffnungsrunde. Die Wertungsrichter_innne waren sich diesmal einig mit der Fankurve: Beide Paare kamen ins Finale. Andrea & Leon erreichten dort mit ihrer sehr innigen Interpretation dieses Tanzes den 6. Platz und Anja & Bettina mit ihrer super eleganten Tanzart den 5. Platz. Da eigentlich in verschiedenen Turnieren (Männer, Frauen, Mixed, SEN/Hptgr.) und in verschiedenen Klassen getanzt werden sollten, wurden auf Betreiben der Tänzer_innen doch alle Medaillen korrekterweise (d.h. entspr. Der ESSDA-Rules) vergeben. Anja & Bettina gewannen die B-Klasse Frauen in der Hauptgruppe sowie bei den SEN, Andrea & Leon gewannen die B-Klasse bei Mixed-SEN.

Am Donnerstagnachmittag startete das größte Feld des Turnieres: Frauen Hauptgruppe Standard. 24 Paare wurden allein in die C-Klasse gewertet. Dorothea & Iris erreichten in der Vorrunde den geteilten 17. Platz. Bettina & Anja erreichten auch in der Hauptgruppe das Finale und dort den 7.Platz. In der B-Klasse tanzten Kerstin & Claudia im Halbfinale auf den 12. Platz. In der A-Klasse verpassten Kerstin & Cornelia mit dem 8. Platz das Finale. Mit fünfmal 2. Plätzen tanzten Tania & Ines Dimitrova auf den fantastischen Silberrang dieser Weltmeisterschaft! Bei den Mixed Latein Turnier hatten Pascal & Sophia den Titel bereits nach der Sichtungsrunde sicher, weil sie als einziges Paar in die B-Klasse gewertet wurden. In der C-Klasse tanzte Mel zusammen mit Graham Ashwell (UK) spontan aber erfolgreich: Nach vier gewonnenen Tänzen wurde ihnen die Goldmedaille übergeben.

Am Freitag starteten 13 Showpaare mit extrem unterschiedlichen Darbietungen. Auch Kerstin & Cornelia ließen es sich nicht nehmen, ihre letzte Show für das café fatal aufzuwerten. Mit der Show „Pride“ (nach dem gleichnamigen Film) erreichten sie den 9. Platz. Tania & Ines erreichten mit ihrer Show „Zorro“ nicht nur das Finale, sondern auch den bronzenen Treppchenplatz. Danach zeigten 6 Showgruppen ihre Darbietungen. Die 19 Pinkies von revue en rose um die Trainerin und Choreografin Gabriella Davis stießen als amtierende Europameister_innen (2017) auf die amtierenden Weltmeister „Vima Vice Sqad“ aus San Franzisco. Aber ebenso ist mit den swinging sisters immer und überall zu rechnen, war der Titel 2017 doch denkbar knapp. Vima Vice Sqad startete als erste Gruppe das Finale. Das reine Männerteam zeichnet sich durch coole Choreographie aus und verbindet das mit schwarz-weiß gemusterten Klamotten mit halluzinatorischer Wirkung. Die Pink Dancers aus London haben ihre Show ganz auf Paris ausgerichtet und gewannen damit sicher nicht nur die Herzen der Französ_innen. Unsere Herzen rutschten dagegen kurzzeitig ganz nach unten, erkannten wir doch „unsere“ Musik wieder. Das war aber auch schnell wieder vorbei und so konnten wir die Show genießen. Die swinging sisters hatten ihre aus Berlin bekannte Show „Burlesque“ mit kleinen Accessoires auf die französische Hauptstadt ausgerichtet. Revue en rose hat dagegen ihre Show „Queer Europe“ passenderweise zur WM zu einer Show „Queer World“ angepasst. Neue Musikstücke, neue Kontinente, neue Länder, neue Klamotten. Wir tanzten jetzt nicht nur den Brexit, sondern auch den Klimawandel. Standing ovations…;-))) Die 5. Show war das 2. Team aus den USA und war ein reines Frauenteam. Diese tanzten Formation in Wild-West-Saloon-Ausstattung. Das letzte Team war PanDans, die ihre Show des letzten Jahres tänzerisch und von der Ausstattung deutlich aufgepeppt hatten.
Das Ergebnis: Die amtierenden Europameister_innen sind auch die neuen Weltmeister_innen!!!!

Soweit die Ergebnisse der Pinkies….aber es ist ja noch viel mehr passiert…..

Kommen wir zurück zur Inklusion bei den Gay Games. Es wurden zusätzlich Handidance Show-Wettbewerbe angeboten. Leider tanzte nur ein gleichgeschlechtliches Paar. Aber das Paar, das später den Titel gewinnen sollte, gehörte zu den wenigen Mixed-Paaren, die so etwas wie einen Führungswechsel tanzten (Hinweis: Ich kenne mich nicht aus mit Rollstuhltanzen, deswegen bitte ich um Hinweise, falls ich Unsinn schreibe). Eine „Hebefigur“, bei der der Fußgänger am Ende kopfüber über dem Parkett schwebte, und der Saal tobte. Er hörte auch nicht mehr auf zu toben, als die Rollstuhltänzerin binnenkörperliche Bewegungen zeigte, die die ein oder den andere_n Fußgänger_in vor Neid erblassen ließ (inkl. die Schreiberin). Auch hier erhob sich der Saal in Ehrerbietung.

Bei der Hauptgruppe Latein Männer sahen wir Paare, die auf den ersten und auch noch auf den zweiten Blick nach einem gemischtgeschlechtlichen Paar aussahen. Eigentlich kennen wir das nur aus den Frauen Turnieren. Während vor gar nicht so langer Zeit noch über Schleier, Hosenröcke oder High-Heels bei Männern gestritten wurde, rockten in 2018 drei Paare von den Philippinen bzw. aus Hongkong mit Personen das Männer-A-Finale, die High-Heels und Röcke und Strass-BHs zeigten. Die eindeutig schönste Lady des gesamten Turnieres tanzte dort. Vielfalt und die Einbindung von Transgender-Personen soll von Seiten des ESSDA und des DVET voran gebracht werden. Diese drei jungen Paare haben den Verbänden und Tänzer_innen wertvolle Nachhilfestunden gegeben – und genial tanzen konnten sie auch noch.

Das Turnier war insgesamt schön, viele hochklassige Paare waren da und insgesamt erstaunlich viele auch von außerhalb Europas. Wir tanzten zu toller Musik von Michael Kongso. Die Moderation von Tony Marcireau war charmant und von Pete Meager professionell. Patrick Sharkey als Chairman war ein phantastischer Gastgeber. Das Orgateam um Patrice, Alice und Co. war unermüdlich und immer hilfsbereit. Und doch…..Da die ESSDA nicht offiziell eingebunden war, fehlte es ein wenig an der Erfahrung mit der Ausrichtung von Großturnieren. Im Vorfeld hatte der Sportausschuss des DVET mehrere Fragen an die Veranstalter gerichtet, um Klarheit über die Turnierdurchführung für die Tänzer_innen zu erlangen. Einige dieser Fragen konnten im Vorfeld geklärt werden, andere erst am Tag selber durch den unermüdlichen Einsatz des DVET, einzelner Paare und wahrscheinlich auch des ESSDA. Zusätzlich hatte der DVET-Sportwart sich beim DTV intensiv dafür eingesetzt, dass die eigentlich angekündigte Sandra Caspers werten kann – leider erfolglos. In der Jahreshauptversammlung (annual General Meeting) der ESSDA haben wir vereinbart, dass wir die Erfahrungen (best practices) für die Organisation von Wettbewerben zusammentragen, um sie für nachfolgende Turniere zur Verfügung stellen zu können. Während Düsseldorf (2010) und Kopenhagen (2021) sicherlich noch vergleichsweise smooth über die Runden gehen werden (weil erfahrene Ausrichter), wird das Einbringen unserer gesammelten ESSDA-/DVET-Erfahrungen insbesondere für Rom (2019) und Hongkong (2022) wertvoll sein, damit auch diese zu unvergesslichen Ereignissen werden.

Zusätzlich zu unserem Pinkie-zentrierten Blickwinkel verweisen wir gerne auf die Berichte & Fotos von Dörte auf der DVET-Website:
GayGames 10 Paris – Tag 1
GayGames 10 Paris – Tag 2
GayGames 10 Paris – Tag 3
GayGames 10 Paris – Tag 4
sowie auf den Bericht von Thorsten auf der LTV-Berlin-Website.
Alle Ergebnisse finden sich auf der ESSDA-Website

Weitere Berichte & Fotos von:
France3 Regions: Gay Games : VOIR ou REVOIR le gala de danse de clôture
NBC News: The 10th annual Gay Games descend on Paris (Fotostrecke)
Reuters: Gay Games in Paris (Fotostrecke)
The New York Times: The Paris Gay Games in Pictures: ‘The Atmosphere Is Really Electric’
EuroNews: Same-sex duos tango and foxtrot at Paris Gay Games (ink. Film)
ABS CBN News: Pinoys shine in 2018 Gay Games dancesport
Sky Sports: Para Dance Sport duo ‚Strictly Wheels‘ chasing gold at Gay Games
Getty Images: Gay Games – Bilder und Fotos (aktuelle und ältere Gay Games)
Spiegel online: Gay Games in Paris: Festspiele der Vielfalt

Kerstin Kallmann

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