Während wir schreiben, ist es schon Samstag und wir sitzen im Zug nach Barcelona und machen nochmal Sightseeing vom Zugfenster aus auf die moderne Architektur und das Hafengelände von Valencia. Von Barcelona aus werden wir am Sonntag wieder nach Berlin fliegen. Eigentlich hatten einzelne schon vor, wahrscheinlich oder vielleicht noch am Freitag den Beitrag zu schreiben, aber die Gehirnzellen waren nach dem Tanzturnier in Streik oder Standby oder so getreten und es blieb der Computer auf dem Rücken im Rucksack.
Also von vorne: Wenn die Senior*innen unter uns gedacht haben, sie könnten am dritten Turniertag ausschlafen, weil das Turnier erst um 11:45 Uhr beginnt: Irrtum. Eintanzen gibt es nur von 9:20 bis 10:00 Uhr. Also doch um 7:00 Uhr raus, frühstücken und ab zur Halle. Dann Michael begrüßen und einchecken (der musste übrigens so früh raus, dass es im Hotel noch nichts zu essen gab – der arme Mensch). Zum Glück waren die Umkleiden groß und so konnten wir das Anmalen wenigstens in die Halle verlegen (inklusive des Teilens von Make-Up-Tipps mit den „revue en rose“ Tänzer*innen).

Für die Pinkis starteten aber zunächst unsere Marathon-Tänzer* Guido & Leon, die es auch in 10-Tänze Hauptgruppe wissen wollten. Nur damit die Lesenden später nicht verwirrt sind: Am gleichen Tag fanden 10-Tänze Hauptgruppe und 10-Tänze Senior*innen für die Kategorien Frauen* und Männer* statt sowie Showgruppen, Formationsteams und Showpaare (getrennt nach Männern*, Frauen* und Senior*innen) und das alles ineinander geschachtelt. Ganz schön herausfordernd, den Überblick zu bewahren.

Die Halle war auch am vierten und letzten Turniertag gut gefüllt. Die erste Entscheidung war die der Showgruppen. Am Start waren neben unseren Pinkies noch die Pink-Dancers aus London. Auf den Straßen von Valencia wurde überall Werbung für den Bioparc (Zoo) gemacht, da hatten wir Tänzer*innen natürlich keine Zeit für. Das war aber gar nicht schlimm, denn die Pink-Dancers brachten uns diesen auf die Fläche: zu einem Medley von Tier-Songs wie „Who led the dogs out“, „I am like a bird“, „In the jungle“ erheiterten uns Zebra, Puma, Flamingo (bei der Siegerehrung natürlich standesgemäß auf einem Bein stehend), Chamäleon, Frosch, Rabe, Biene, Oktopus, Hase (oder war es ein Pudel?) und co. Die ältesten Tänzer*innen und Beobachter* fühlten sich an die „guten alten Zeiten“ mit Bradley & Sören und dem „Pink Pudel“ erinnert. Ach, Nostalgie ist doch was Feines. Wenn ich mal in einer Show tanze, möchte ich Schildkröte oder Pinguin sein. Die erwachsenste aller Tanzpartner*innen ist für solche Spielereien natürlich nicht zu haben, oder? Wer kann das noch toppen: Natürlich revue en rose. Unser Team war top vorbereitet, harmonisch, musikalisch und in den Formationselemente exakt. Nicht nur die Klamotten machten den Zusammenhalt und Teamspirit deutlich. Teamchefin Andrea gab in der Umkleide klare Anweisung und so waren alle zur richtigen Zeit am richtigen Platz und jede Bewegung saß. Eine stimmige Choreografie mit einer eindeutigen queeren Botschaft. Das beeindruckte Publikum und Wertungsgericht gleichermaßen. Gold für revue en rose! Herzlichen Glückwunsch an Markus Endrikat, Volker Haenschke, Stefan Hess, Kay Hübner, Claudia Lichnofsky, Katrin Raithel, Andrea Scalmana, Leon Strauß, die Trainerin Gabriella-Ann Davis sowie die Teamchefin Andrea Schlinkert. Nach 2018 in Paris also Titelverteidigung für unsere Showgruppe (in Mexiko 2023 gab es keine Teamwettbewerbe) – was für ein tolles Ergebnis.

Bei den Teamformationen starteten zwei amerikanisch Gruppen. Die Unterschiede der Darbietungen zu den Showgruppen waren für nicht eingeweihte Zuschauende kaum zu erkennen – die Wertungskriterien sind zwar die Gleichen, aber die Gewichtung ist unterschiedlich. „Gold und Silber“ (Vima Vice Squat) aus San Francisco setzten sich mit einer fröhlichen Latein-Kompilation durch. Dahinter platziert Rebel Motion, die in futuristischer Bekleidung (die cineastisch bewanderte Tanzpartnerin* vermutet eine Anlehnung an den Film „Dune“) einmal mehr deutlich machten, dass eine Gaygames-Teilnahme in jedem Alter und mit jedem Tanzvermögen möglich ist. Die tänzerischen Elemente waren eher unaufdringlich, die Tanzfreude dafür umso inspirierender. Vielleicht ein Zukunftskonzept. 😉
Bei den Showpaaren gab es sehr unterschiedliche Darbietungen. Sehr gut getanzte Latein-Formationselemente mit Hebe und Schwebe-Figuren, herzschmerzende Liebes-Rumba mit Regebogenfahne, freie Interpretationen von Latein inklusive Musical- und Entkleidungselementen, 10-Tänze-Oper und noch vieles mehr. Aber unser Herz eroberten mit ihrer unglaublich überzeugenden Darbietung und ihrem Mut sich selbst nicht allzu ernst zu nehmen sowie des Ausnutzens aller Elemente, die die Musik zu bieten hatte Carley & Mary mit ihrer Hobby-Horsing-Show. (Nein, der Satz ist nicht zu lang!). Wir haben Tränen gelacht, uns gekringelt, unterm Stuhl gelegen usw. Angeblich gab es aber auch Menschen, die das nicht lustig fanden, komisch. War dann auch egal, welchen Platz sie damit machten.
Zurück zum ernsthaften Turniergeschehen. Etliche Paare hatten am vierten Turniertag doch ihre Meldungen zurückgezogen. Eigentlich waren fast nur noch diejenigen übriggeblieben, die sich Hoffnungen auf eine Medaille machten. Guido & Leon tanzten sowohl bei den Männern*, wo sie Platz 6 belegten, als auch bei den Senioren*, wo sie ihren Abschied von den diesjährigen Gaygames mit einer Bronzemedaille feiern durften. Kerstin und Conny tanzten Seniorinnen* 45+ und wurden – ne, nicht zum dritten Mal vierte, sondern diesmal dritte. So gab es am letzten Tag noch eine WM-Gold und zwei WM-Bronzemedaillen für pinkballroom.

Das Orga-Team „Tanzen“ um Tom und Isaac hatte nach dem Turnier noch nicht genug. Es gab einen stimmungsvollen Ball mit Auftritten der Weltmeisterinnen*. von dem wir hier nur mit Bildern anderer Tänzer*innen berichten können. Denn wir mussten noch „Turbo Sightseeing“ in der Altstadt von Valencia machen. Folgende Erfahrungen können wir davon weitergeben: Eis Essen bei mehr als 32 Grad Außentemperatur ist eine kleckrige und klebrige Angelegenheit (ist dann mehr warmen Milchshake löffeln), Valencia hat dicke Türme, große Kirchen, Marmorböden auf Plätzen und in Gassen, ein paar Fliesen an Häusern und schöne Parks. Die Altstadt nutzten Touris und Einheimische gleichermaßen. Trotz des Trubels gibt es nette und ruhige Restaurants. Auch Spanier*innen können gut Pasta zubereiten. Im Bus trafen wir dann noch Karate-Kämpferinnen* aus München, die dachten wir würden Bogenschießen betreiben (Also wirklich! Fast hätten wir sie im Gegenzug gefragt, ob sie Schach spielen😉).

Zuletzt war da noch die Sache mit dem Strand. Seit den Eurogames 2008 in Barcelona (es waren unsere ersten) möchte die hydrophile Tanzpartnerin nach dem Turnier an den Strand. Nun, gesehen haben wir den Strand von Valencia eben erstmals von weitem aus dem Zugfenster….
Zurück zum Thema: Das waren schöne Gaygames und eine sportlich wie auch organisatorisch großartige WM. Allen daheim gebliebenen empfehlen wir: Trainiert für Cardiff 14-17. Juli 2027, das lohnt sich.
Dank für die Fotospenden geht an Markus, Michael, Michael (Stuttgart), Claudia, Claudia und Katrin. Text: CW. Strenge Aufsicht, Textverbesserungen und deutsche Sprache: KK.




