pinkballroom 1998 bis heute

pinkballroom 1998-2013 – Gedanken zu den 15 ersten Jahren

Anno 2008 schrieb ich einige Sätze zu den ersten 10 Jahren der Existenz von pinkballroom nieder. Diese erschienen 2009 in leicht erweiterter Fassung im Programmheft der 10.Berlin Open. Nachfolgend der damalige Wortlaut:

Es musste ja UNBEDINGT was anderes sein…. einfach nur nachmachen kann ja schließlich jeder.

Man war schon ein bisschen spät dran in Berlin, als das gleichgeschlechtliche Tanzen das Licht der Welt erblickte. Nein, ich meine jetzt nicht jenes gleichgeschlechtliche Tanzen, das in geistiger Verwandtschaft zur Zwangshomosexualität auf See und hinter Gittern steht. Jenes, bei dem chronischer Männermangel schon immer durch couragiertes Zupacken einer anderen Frau oder eines anderen Mädels nach Wahl überwunden wurde. Das ist eine andere andere Geschichte…

Hier geht es um das bewusste Aussuchen eines Tanzpartners respektive einer -partnerin des gleichen Geschlechts. Ganz ohne Not. Noch dazu nicht einfach nur für Chaka-Chaka, sondern für überdrehte Rechtskreisel, gekurvte Federschritte und Botafogos. Da waren andere schneller; mag man sich als Haupstädter auch noch so hin und her winden.

Berlins reichhaltige Szene aus Off-Tanzschulen und Off-Off-Bewegungsgruppen bot und bietet auch heute noch einen wunderbaren Nährboden dafür, manch‘ Ding auch einmal anders zu machen. Abseits der Muffigkeit des bürgerlichen Pflichttanzkurswesens durfte da auch mal die Frage gestellt werden, warum eigentlich Männer nicht mt Männern tanzen dürfen oder warum Frauen immer nur folgen dürfen. Gesagt, getan! In lesbischen Kammern, schwulen Zirkeln und buntgemischten Hinterhöfen nahmen zuvor undenkbare Dinge Gestalt an. Allerdings — das war vor allem ein Akt der puren Freude, des Ausprobierens, des Rebellierens. Und auch ein gutes Stück Provaktion. Denn als das Schicksal unserer Stadt die Austragung der EuroGames 1996 zuspielte und damit die tanzende Anarchiebewegung mit der Austragung einer Sportveranstaltung konfrontiert wurde, gab es gleich mal richtig Zoff. TanzSPORT? Igitt! Das durfte nach Berliner Szenevorstellungen nun wirklich nicht so reglementiert ablaufen wie im Sonntagsnachmittagsprogramm unserer Kindertage. Während die Organisatoren versuchten, den Begriff Tanzturnier neu zu definieren, erschreckten die heimischen Teilnehmer (aber nicht nur die) das unschuldige Publikum mit blanken Hintern, rustikalem Schuhwerk und vielen Metern Goldlamee.

Dieses in mehrfacher Hinsicht unvergessen gebliebene Turnier war indirekt der erste Geburtshelfer von pinkballroom. Denn während die Einen zu ihren lustigen Tanzabenden zurückkehrten, gingen andere in Klausur. Die Gay Games 1998 in Amsterdam standen an, und plötzlich wurde Tanzen in Berlin auch bei einigen Schwulen und Lesben zum Sport. Wille und Potential waren da, allein: es fehlte die Infrastruktur. Während sich in Westdeutschland und den Niederlanden schon manch namhafter Trainer auf gleichgeschlechtliche Paare einließ und neue Vereine und Tanzsportabteilungen gegründet wurden, wurschtelten die Berliner noch so vor sich hin und ließen schließlich kurz vor den Gay Games (war es ein Akt der Verzweiflung?) gar einen Trainer aus England einfliegen.

Nach Amsterdam ging dann alles ganz schnell. Es wurde nicht nur endlich eine dauerhafte Trainingsgruppe für gleichgeschlechtliche Paare in Berlin gegründet, sondern gleich ein ganz neues Kapitel in der Entwicklung dieser neuen Disziplin aufgeschlagen. Man ging in einen DTV-Verein.

DTV, das war und ist grob gesagt, wenn ein Mann mit einer Frau ein Turnier tanzt.

DTV, das war der altbackene Gegenentwurf, den man doch überwinden wollte.

Oder doch nicht?

Das Projekt startete im Herbst 1998. Es erregte Aufsehen, es fand sofort großen Anklang und es bekam einen Namen: pinkballroom. Kleingeschrieben, in einem Wort, international verständlich und dabei dennoch nicht mit der Tür ins Haus fallend; eine Marke für die Ewigkeit. Und dabei vor allem eines: Leuchtend rosa — und nicht regenbogenfarben!

Mit Dirk Heidemann und Gabriella-Ann Davis als nicht ganz unprominenten Trainern ging es in die erste Saison. Über den Dächern von Wedding tanzten von nun an auch Frauen mit Frauen und Männer mit Männern im ehrwürdigen btc e.V., und ebendort richtete pinkballroom im Frühsommer 1999 die ersten Offenen Berliner Meisterschaften aus. Die Teilnehmer von auswärts mussten damals viel verkraften: Geballte Berliner Stärke auf dem Parkett , aber auch daneben — bei den Wertungsrichtern. Brütende Hitze, enthusiastische Zuschauer und einen völlig aus dem Ruder laufenen Zeitplan. Dazu eine revolutionäre Neuerung: getrennte Turniere für Männer und Frauen. Und das alles in gediegenem DTV-Ambiente. Das war vielleicht etwas viel auf einmal.

Nichtsdetotrotz: Nicht nur pinkballroom wird heuer 10 Jahre alt, auch die Berlin Open werden im Juni 2009 zum zehnten Mal ausgetragen. Nach holprigem Start sind sie inzwischen zum Klassiker geworden. Kein anderer deutscher Ausrichter hat in zehn aufeinanderfolgenden Jahren ein Turnier ausgerichtet, und abgesehen von den Deutschen Meisterschaften stehen in Deutschland nirgendwo mehr Paare aus mehr Ländern in den Startlisten, wenn es um Siege und Plätze geht.

Alljährlich, meist am Wochenende des schwullesbischen Stadtfestes In Schöneberg, wird anlässlich der Berlin Open das Sportzentrum der „Turngemeinde in Berlin e.V.“ zu einem pinkfarbenen Palast. Je nach Wetterlage auch zu einer pinkfarbenen Sauna. Ein ca. zehnköpfiges Orgateam und etliche Helfer am Turniertag sorgen dafür, dass die Berlin Open unter den großen Turnieren vielleicht dasjenige ist, bei dem es am meisten menschelt und sich die TeilnehmerInnen besonders willkommen fühlen.

Bei den 10.Berlin Open am 20.Juni 2009 wollen wir es aber nicht dabei belassen, ein schönes und hochwertiges Turnier auzurichten. Es soll auch Gelegenheit geben zurückzublicken auf Personen, die pinkballroom und die Berlin Open begleitet und geprägt haben. Sei es tanzend, trainierend, bewertend oder moderierend. Wir werden hierzu das Turnier ein wenig nach vorn schieben, um am Abend die Zeit für einen großen Jubiläumsball zu haben.

Die Erfahrung im Durchführen großer Turniere und das hieraus erwachsene Vertrauen machte pinkballroom 2005 übrigens auch zum Ausrichter der ersten Deutschen Meisterschaften im gleichgeschlechtlichen Turniertanzsport. Seitdem wandert die DM durch die Republik (2009 in Frankfurt) und kommt hoffentlich auch einmal wieder zu pinkballroom zurück. Die von pinkballroom eingeführte Separierung von Frauen- und Männerpaaren ist auf großen Turnieren übrigens längst Standard geworden. Und dass gleichgeschlechtliche Paare in DTV-Vereinen tanzen, ist heute auch keine besondere Erwähnung mehr wert. Wobei pinkballroom hierbei ob seiner großen Zahl von Paaren immer noch eine Besonderheit ist.

Von den großen internationalen Jahreshöhepunkten im Turnierkalender bringen die pinkballroom-Paare mit schöner Regelmäßigkeit etwa ein Viertel der Medaillen nach Hause, obwohl sie nicht annähernd mit dieser Quote am Start sind. So ist aus dem anarchischen Häuflein über die Jahre eine Medaillenschmiede geworden. Das gibt immer wieder Anlass zur Freude, bringt aber auch nicht nur Positives mit sich. Über 100 aktive Tänzerinnen und Tänzer, die zu unterschiedlichen Zeiten an unterschiedlichen Orten in unterschiedlichen Gruppen tanzen, sind schwerlich unter einen Hut zu bekommen. Und um das Menscheln ist es generell etwas schlecht bestellt in einem 4000-Mitglieder-Multisportverein mit Rezeption und Restauration. Umso bemerkenswerter, dass pinkballroom auch 10 Jahre nach seiner Gründung immer noch der Inbegriff schlechthin ist in Berlin für gleichgeschlechtliches Tanzen mit Anspruch. Übrigens schon lange nicht mehr als schwullesbisches Projekt, sondern als Angebot für Alle.

Wir standen auf Titelblättern, Plakaten und Fahnen. Wir sind in strömendem Regen mit pinkfarbenen Perücken durch Berlin gepuschelt. Wir sind über Mauern geklettert, haben Busmotoren repariert und in Holland Hausverbot riskiert. Wir waren in Australien, Kanada und Bielefeld; Wir haben uns bestaunen lassen wie Zootiere hinter Glas und vergöttern lassen wie Gesandte vom anderen Stern. Wir zanken, zicken und quieken, sind manchmal selbstgefällig und manchmal aufopfernd. Aber wenn wir eines im Alter von 10 Jahren noch nicht sind, dann ist das satt.

Denn es muste ja UNBEDINGT was anderes sein….

Fünf Jahre später jubiliert pinkballroom erneut. Sowohl rein geburtstagsmäßig als auch in Bezug auf die Deutschen Meisterschaften, die wie erhofft nach Berlin zurückkehren und pinkballroom im Jahr 2013 zur ersten Gruppierung machen, die dieses Event zum zweiten Mal ausrichten darf.

Ansonsten ist das mit dem Jubel so eine Sache.

„Was soll in fünf Jahren schon groß passieren?“ mag der geneigte Leser fragen. Nun, in der großen Welt vielleicht nicht ganz so viel. Aber die Welt des Equalitytanzens ist eine kleine, und kleine Welten ändern sich schneller. Inzwischen gibt es nationale und internationale Verbände für das gleichgeschlechtliche Tanzen, es gibt offizielle Europa- und neuerdings sogar Weltmeisterschaften und jüngst haben uns die Zeichen der Zeit etwas beschert, was verteufelte Ähnlichkeit mit einem Startbuch des DTV aufweist. Ach ja, im DTV ist das deutsche Equalitytanzen inzwischen auch gelandet. Kurzum: Die Disziplin ist einigermaßen etabliert. So sehr etabliert, dass immer mehr die Frage auftaucht, wozu es außerhalb von Turnieren überhaupt noch einer Trennung vom gemischtgeschlechtlichen Tanzen bedarf.

Da einem auf diese Frage erst einmal wirklich nicht soviel einfällt, geht es im Trainingsbetrieb der Tanzsportabteilung der Turngemeinde in Berlin von 1848 e.V. inzwischen drunter und drüber, was die Paarzusammensetzungen in den Trainingsgruppen angeht. Wo pinkballroom draufsteht, ist heute nicht mehr unbedingt auch pinkballroom drin. Umgekehrt ist aber auch pinkballroom drin, wo es gar nicht draufsteht. Die Grenzen verwischen, und vielleicht ist es auch gut so, aber es verwischt auch die Marke pinkballroom, die wir doch so viele Jahre stolz durch die Welt getragen haben.

Nun stünde einem weiteren stolzen Durchdiewelttragen ja nichts im Wege. Und es passiert auch, zudem sportlich betrachtet auch weiterhin sehr erfolgreich. Aber nicht mehr so zahlreich wie noch vor fünf oder zehn Jahren und zudem noch schleichender Alterung unterworfen.

So ein 15jähriger Geburtstag ist natürlich nur ein kleines Zwischenjubiläum. 20 Jahre pinkballroom, oder 25 gar, das sind die nächsten großen Marken, wo es Bilanz zu ziehen gilt. Da heißt es jetzt Ausschau halten nach einer neuen Generation von „Pinkies“. Doch so sehr man auch schaut, der rosa Nachwuchs ist derzeit spärlich. „Einigermaßen etabliert“ ist eben doch nicht „restlos etabliert“. Während pinkballroom sich nach Verstärkung sehnt, um seine Erfolgsgeschichte weiterschreiben zu können, hören nach wie vor Hunderte von „überzähligen“ Mädchen mit dem Tanzen auf, anstatt sich ein anderes Mädchen (oder eine andere Frau) als Tanzpartnerin zu nehmen. Und noch immer gibt es viele schwule Männer, die sich ihr Leben als Tänzer nur an der Seite einer Frau vorstellen können, weil ihnen das gleichgeschlechtliche Tanzen sportlich noch zu wenig ernst genommen wird, die Turniere zu weit verstreut sind, die Konkurrenz zu spärlich ist oder das ihnen das ganze Ding ästhetisch(!) nicht behagt. Es gibt also auch heute noch einige Felder zu beackern, teilweise direkt vor der eigenen Nase.

Doch alles zu seiner Zeit. Bevor die Ärmel hochgekrempelt werden, um Nachwuchs von den Bäumen zu pflücken, zeigen wir bei der DM 2013 zusammen mit unseren „Mitbewerbern“ um Medaillen und Pokale, warum es so schön ist beim Equalitytanzen und warum es sich so sehr lohnt, dieses kleine Pflänzchen zu hegen, zu pflegen und weiter zu entwickeln – mit vereinten Kräften.

Thorsten von Steglitz

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